Körper mit rauchendem Kopf

Die Erfindung der Wahrheit

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht“, lautet ein bekanntes Sprichwort. So vielsagend das klingen mag, so wenig wahr erweist sich dieser Satz im digitalen Zeitalter. Einer Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zufolge, verbreiten sich Fake-News sechsmal schneller als korrekte Meldungen. Die Forscher des MIT hatten für ihre Studie zwölf Jahre 126.000 Stories von über vier Millionen Usern von Twitter ausgewertet.

Die Datenanalyse dieser Studie mag sich auf Twitter konzentriert haben, darf aber als stellvertretend für die Kommunikationsgepflogenheiten und die Informationskultur in den sozialen Medien angesehen werden. Falschnachrichten verbreiten sich dort nicht nur schneller, der gesellschaftliche Durchdringungsgrad ist gleichfalls höher. Das liegt daran, dass die künstliche Intelligenz (auch als Bots bezeichnet) den viral grassierenden Meldungen eine hohe Relevanz zuweist und sie höher priorisiert. Dadurch werden sie hochgerankt und in der Folge häufiger angeklickt, was sie noch relevanter macht, so dass sie noch stärker priorisiert werden. Ein sich kontinuierlich verstärkender Teufelskreis.

Emotion geht vor Information

Die menschliche Natur ist allerdings nicht ganz unschuldig an dem Phänomen. Seit jeher verbreiten Menschen am liebsten Geschichten, die besonders viel Aufmerksamkeit erzeugen. Wir lernen früh, dass wir mit dem Gewöhnlichen kaum beeindrucken können. Deshalb flunkern kleine Kinder gerne, wenn sie sich gegenseitig ihre Heldentaten erzählen; später übertreiben wir bei der Selbstdarstellung, schildern Erlebnisse in schillernden Farben oder schmücken uns mit fremden Federn. Manch einer lügt auch völlig ungeniert, gestaltet in den Köpfen der Menschen eine verzerrte Realität und gewinnt Wahlen. Die Kampagne die zum Volksentscheid führte, der den Brexit einläutete, fußte auf einer vergleichbaren Legendenbildung. Und das rasante Tempo mit dem sich Botschaften in sozialen Netzwerken verbreiten, erweist sich für solche Unterfangen als geradezu ideal.

Die Medien als Spiegel der Gesellschaft können nicht besser oder schlechter als die menschliche Natur sein. Das war zu der Zeit, in der Fernsehen, Zeitungen und Nachrichtenmagazine die dominierenden Informationskanäle waren, nicht anders. Die seriöse journalistische Berichterstattung mühte sich, die Öffentlichkeit nach bestem Wissen und Gewissen mit der Wahrheit zu versorgen; der Boulevard und die Regenbogenpresse lieferten reißerische Schlagzeilen und waren auf Effekt und möglichst große Emotionalisierung aus. Erfahrungsgemäß funktionierte das schon damals bei einer breiten Basis besser als die inhaltliche Ebene.

Experte ist nicht gleich Experte

Als Realität in den Köpfen manifestiert sich letztlich das, was eine möglichst große Gruppe als solche erachtet. Gerade wenn Menschen durch ein Problem persönlich stark betroffen sind, gieren sie regelrecht nach solchen Informationen, die ihnen die Uminterpretation der Wahrheit ermöglichen. Bei dem seit einigen Jahren immer wieder aufflammenden Dieselskandal, sind die Leidtragenden die Kunden, die guten Gewissens ein vermeintlich sauberes Auto kauften. Die werden durch potenzielle Fahrverbote doppelt abgestraft. In dieser aufgeladenen Stimmung schlägt die Nachricht eines Experten (Lungenfacharzt und Ingenieur), der vollmundig behauptet, dass die Überschreitung der Stickoxid-Grenzwerte keine gesundheitlichen Auswirkungen hat, wie eine Bombe ein. Und wenn sich in der Folge noch viele weitere Lungenfachärzte der Behauptung anschließen, muss doch was dran sein. In Deutschland finden sich allerdings knapp 4000 Lungenfachärzte. Etwas mehr als 100 behaupten, dass die Stickoxid-Emissionen des Straßenverkehrs keine direkte Auswirkung auf die menschliche Gesundheit haben. Das entspricht 2,5 Prozent.

In einer aktuellen Online-Befragung des Bundesverbandes der Pneumologen, Schlaf- und Beatmungsmediziner unter 1200 Lungenfachärzten äußerten nun 91 Prozent, dass selbstverständlich zum Schutz der Patientinnen und Patienten und der Gesamtbevölkerung die Luftbelastung so weit wie möglich herabgesetzt werden sollte. 85 Prozent stimmen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu, die kürzlich den Klimawandel und die Luftverschmutzung zu den größten globalen Bedrohungen erklärt. Und 86 Prozent sprachen sich dafür aus, dass eine Diskussion über die Methodik von Studien zur wissenschaftlichen Evidenz von Luftschadstoffen nicht zu einer Bagatellisierung der Auswirkungen von Luftverschmutzung führen darf.

Peinlicher Rechenfehler

Diejenigen Ärzte, die eine andere Haltung zu den gesundheitlichen Risiken einnehmen, berücksichtigen zudem die epidemiologischen Bewertungen nicht, die wissenschaftliche Langzeitstudien einschließen. Kein seriöser Forscher hat jemals geäußert, dass Spontan-Krankheitsfälle aufgetreten sind, durch die kurzzeitige Einwirkung erhöhter Stickoxid-Emissionen.  Bei einer längeren Exposition, beispielsweise von Anliegern, die in einer Zone erhöhter Werte leben, sieht das schon anders aus. Die Grenzwerte sollen überdies vor allem Schwächere schützen: Kinder, Kranke, ältere Bürger und Schwangere.

Vertretern der Automobilindustrie, Lobbyisten und auch Politikern, denen die Fahrverbote in den deutschen Innenstädten so gar nicht in den Kram passten, kommen solche alternativen Wahrheiten jedoch gerade recht. Sie springen freudig auf den Zug auf und verbreiten diese Informationen nur zu gerne. Schön zu sehen, dass die regulativen Mechanismen in der Wissenschaft aber noch greifen und dass es innerhalb der Reihen der seriösen Presse noch genug Journalisten gibt, die sich nicht blenden lassen. Eine der Behauptungen, ein Raucher nehme in wenigen Monaten so viel Feinstaub und Stickoxid auf, wie ein 80-Jähriger Nichtraucher im Leben mit der Außenluft einatme, wurde durch deutsche und internationale Experten unter Verweis auf neue Forschungsergebnisse widersprochen. Die Berechnung erwies sich als fehlerhaft. Um zur selben Stickoxid-Belastung zu gelangen, dauert es bei einem Raucher bis zu 32 Jahre. In diesem Falle führte die Verbreitung von Fake-News zu einem Eigentor.

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