Mensch und Monitor

Der Trend zum virtuellen Lernen: Ein Konzept mit Tücken

In modernen Weiterbildungen herrscht „Callcenter-Atmosphäre“. Kein Lehrer oder Trainer steht mehr klassisch vorne. Die Studierenden sitzen mit dem Headset vor ein oder mehreren Monitoren und lauschen den Ausführungen eines Dozenten, der in einer ganz anderen Stadt, theoretisch sogar einem anderen Land, sitzen kann. Meist herrscht Stille, gelegentlich durchbrochen von Antworten auf Fragen, die kein Unbeteiligter zu hören bekommt. Das wirkt schnell befremdlich. Besonders, wenn plötzlich durcheinander gesprochen wird: In der einen Ecke geht es um Kalkulationen, jemand anderes redet über den Entwurf von Gebäudegrundrissen, ein weiterer fragt, wie das Design einer Webseite zu verändern wäre und noch jemand anderes braucht Input für den optimalen Schnitt eines Videos. Solche Momente erinnern an babylonisches Sprachgewirr.

Vielfältige Möglichkeiten im Virtuellen Klassenzimmer

Weiterbildungen im sogenannten Virtuellen Klassenzimmer gibt es reichlich. Vermutlich ebenso viele wie Fachkräfte in unterschiedlichen Bereichen auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt werden. Diese Form des Unterrichts bringt grundsätzlich viel Flexibilität mit sich: Studierende wie Dozenten können ortsunabhängig teilnehmen und unterrichten. Manche, für die eine Anfahrt zu einem Bildungsträger zu langwierig oder kompliziert wäre oder die aufgrund von anderen Verpflichtungen zuhause gebunden sind, können im Homeoffice teilnehmen. Den Seminaranbietern ist es wiederum möglich, Kurse stattfinden zu lassen, die sonst regional zu wenig Teilnehmer hätten. Und sie können auf ein größeres Angebot an Dozenten zurückgreifen. Selbstverständlich ist es auch ökonomisch einträglicher, mit wenigen Dozenten bundesweit eine Reihe von Standorten zu versorgen.

Das gängige Konzept besteht darin, Schulungen modular anzubieten. Solche Blöcke haben einen Umfang von vier Wochen, können in sich abgeschlossen oder Teil einer umfangreicheren Weiterbildung sein. Möchte sich beispielsweise jemand zum Fachmann für Printdesign ausbilden lassen. Belegt er aufeinanderfolgend, thematisch passend die Module: Bildbearbeitung, Layout und Design. Der zukünftige Webseitenentwickler würde hingegen Programmierung und Content Management belegen. Auf diese Weise lassen sich sogar komplette Ausbildungen mit IHK-Abschluss absolvieren, die über zwei Jahre gehen.

Dozenten und Studierende sind gefordert

Die Art der Kommunikation in solchen Kursen ist allerdings gewöhnungsbedürftig. Es wird den Studierenden ein hohes Maß der Bereitschaft zur aktiven Teilhabe abverlangt. Mikro einschalten, um bei einem laufenden Vortrag dazwischen zu funken, ist nicht jedermanns Sache. Ein virtuelles Melden wird anderseits nicht immer rechtzeitig registriert, so dass viel Eigenverantwortung und auch ein offensiveres Dialogverhalten gefragt ist, um nicht „zu kurz zu kommen“. Für Teilnehmer, die mit den Errungenschaften des digitalen Zeitalters nicht so ganz selbstverständlich umgehen, kann aber schon der Umgang mit der ungewohnten Technik eine Hürde darstellen.

Vor besondere Herausforderungen stellt diese Seminarform auch den Unterrichtenden. Neben den üblichen pädagogischen und didaktischen Qualitäten, die eigentlich immer gefragt sind, ist hier noch ein ausgeprägtes Maß an empathischem Gespür und Sensibilität vonnöten. In einem konventionellen Kurs wäre es sicher unhöflich dem Lehrenden unvermittelt ins Wort zu fallen. In diesem Falle muss der Dozent jedoch in der Lage sein, damit wertschätzend umzugehen und solche Wortmeldungen zu honorieren und zu fördern. Stellt er „Zwischenrufe“ zu oft zurück und fährt in seinem Vortrag einfach fort, kann sich das negativ auf die Motivation auswirken. Insbesondere Studierende, die von ihrem Naturell ohnehin eher zurückhaltend sind, könnten sich noch weiter zurückziehen.

Klassische Seminare haben ihre Stärken

Es verlangt zudem viel Feingefühl und Geschick, gerade jene „im Blick zu behalten“, die fachlich mehr Aufmerksamkeit oder menschliche Zuwendung brauchen. Den Teilnehmern „das Händchen zu tätscheln“, mag zwar nicht unbedingt die Hauptaufgabe eines Dozenten sein, gerade in der Erwachsenenbildung; auf der anderen Seite schleppen Studierende, die Kurse belegen, um sich (wieder) für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren, nicht selten einiges an biografischem Ballast mit. Komplexen zwischenmenschlichen Situationen adäquat zu begegnen oder auf individuelle Befindlichkeiten angemessen zu reagieren, fällt in einem klassischen Seminar leichter. Schon aus dem Grund, dass der Dozent nicht darauf angewiesen ist, dass jemand dezidiert um mehr Aufmerksamkeit oder Unterstützung bittet. Beim konventionellen Frontalunterricht ist es möglich, den Studierenden auch mal über die Schulter zu schauen. Und wer sich „real“ in einem Raum mit anderen aufhält, empfängt viele nonverbale Signale: Menschen teilen sich schließlich auch durch Mimik, Gestik und allgemein durch ihre Körpersprache mit. Im Virtuellen geht davon viel verloren.

Jedes Seminar fällt letztlich aber anders aus und hängt immer davon ab, welche Menschentypen aufeinander treffen und wie deren Vorbildung und Qualifikation ausfällt. Daran bemisst sich auch das fachliche Niveau, auf dem sich ein Kurs bewegen wird. Der Lehrstoff sollte der Lehrmethode dennoch entsprechend aufbereitet sein, sonst ist das Risiko hoch, dass sich im Virtuellen Klassenzimmer einiges versendet. Grundsätzlich gibt es zwar weniger Ablenkung, als in klassischen Seminaren, doch stets fokussiert zu bleiben und immer hinzuhören, ist menschlich kaum möglich. Erfahrungsgemäß kommen auch weniger Gruppendiskussionen zustande, die sind aber gerade in Weiterbildungen, die nicht aus reinen Softwareschulungen bestehen, für das Verständnis und die Festigung der Inhalte außerordentlich wichtig. Letzen Endes muss natürlich jeder selbst entscheiden, welche Form des Lernens für ihn die richtige und die effektivste ist. Der Trend ist aber eindeutig.

 

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