Fragezeichen

Welche Wahrheit darf es sein – Verschwörungstheorien im Aufwind

Sein ist nicht Schein, und die Obrigkeit gaukelt uns eine Realität vor, die gar nicht existiert. Das alles mag einen Kern Wahrheit enthalten. Sobald es ums Geld geht, wird schließlich ganz offenkundig gelogen und betrogen. Tausende von Dieselfahrern, die ihre Autos voller Vertrauen kauften, wurden übers Ohr gehauen. Der zugesicherte Emissionenswert ist nicht mehr wert, als das Papier auf dem er gedruckt wurde. Und wer tatsächlich glaubt, unsere Medien wären in der Lage, mehr als nur einen Ausschnitt der Realität wiederzugeben oder sie völlig frei von Zensus wähnt, sollte sich nicht wundern, wenn er als blauäugig angesehen wird. Aller Zweifel ist also durchaus angebracht, und es macht sicher Sinn, zu hinterfragen und gründlich zu prüfen, bevor etwas vorschnell als wahr akzeptiert wird.

Geschichte ist relativ

Nicht wenigen geht das nicht weit genug. Selten zuvor waren Verschwörungstheorien derart beliebt. Insbesondere der US-amerikanischen Regierung wurde seit jeher einiges zugetraut: Die Mondlandung am 21. Juli 1969 soll nicht mehr als ein Hollywood reifer Werbeclip gewesen sein und der Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 durch die japanische Luftwaffe war im Vorhinein bekannt und wurde hingenommen, um einen Grund zu haben, in den Zweiten Weltkrieg einzutreten. Vergleichbares grassiert über den Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001. Die Zwillingstürme sollen durch zuvor platzierte Sprengladungen zum Einsturz gebracht worden sein, um anschließend gegen den Terror in den Krieg ziehen zu können. Diese prominenten Beispiele stellen nur einen kleinen Ausschnitt aus der Rangliste der beliebtesten Verschwörungstheorien dar.

Manche davon erreichen einen erstaunlichen Verbreitungs- und Durchdringungsgrad in der Gesellschaft: Bis heute halten sich solche Legenden, wie das Polen 1939 zuerst Deutschland angriff; ebenso, dass es sich beim Russlandfeldzug im zweiten Weltkrieg um einen „Präventivschlag“ Deutschlands  handelte, um einem etwaigen Angriff der Roten Armee zuvorzukommen. Bei den Siegermächten findet sich die Behauptung, die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki hätten den Pazifikkrieg verkürzt und somit „Leben gerettet“. Diese Darstellung fand sogar Einzug in Lehrbücher.

Nichts ist wie es scheint

Truth WarheitNeben solchen „Feinjustierungen der Geschichte“, die seit jeher von allen Lagern betrieben wurden, finden sich auch Vorstellungen über globale Verschwörungen von allerlei Geheimbünden. Äußerst beliebt sind die Illuminati, die längst Einzug in die Populärkultur in Buch- und Filmform fanden. Diese und vergleichbare Organisationen sollen seit jeher das Menschheitsgeschick lenken. Gleichfalls beliebt sind militärische Machenschaften, Regierungskomplotte oder medial gesteuerte Manipulationen unserer Psyche. Die Liste ließe sich beinahe beliebig weiterführen. Munter wird allerlei durcheinander gewürfeltes Zeug vertreten und sich eine obskure Weltsicht zusammengeschustert, die auf sehr dubiosen Quellen basiert.

Eine der absurdesten Vorstellungen wird von jenen vertreten, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, die systematische Unterwanderung der Gesellschaft durch Außerirdische zu entlarven. Dabei handelt es sich nicht mal um Einzelkämpfer. Es existieren viele Organisationen mit erstaunlich großen Mitgliederzahlen, die solche fiktionale Vorstellungswelten aus TV und Kino in ihr alltägliches Leben integriert haben und als real existierende Bedrohung ansehen. In die gleiche Kerbe schlagen Netzwerke besorgter Bürger, die der festen Überzeugung sind, die Regierung würde durch Flugzeuge in der Atmosphäre Chemikalien versprühen, die uns alle gefügiger und geistig manipulierbarer machen und allmählich vergiften.

Gefährliche Spinner

In den letzten Jahren gerieten bei uns die sogenannten Reichsbürger besonders in den Fokus. Die Bundesrepublik Deutschland wird von ihnen nicht als Staat nicht anerkannt. Sie behaupten, sie wäre eine durch die jüdische Bankiersfamilie Rotschild eingetragene GmbH und beanspruchen für sich, in den Reichsgrenzen von 1937 zu leben. Aus diesem Grund geben sie dann gleich mal eigene hoheitliche Dokumente wie Führererscheine, Personalausweise und Reisepässe aus. Einen selbsternannten Reichskanzler gibt es auch. Der vertritt die Meinung, Bundeskanzlerin Angela Merkel wäre die uneheliche Tochter des Juden Henoch Kohn (also des verstorbenen früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl) und darüber hinaus für den Mauerbau verantwortlich, der im August 1961begann, als Merkel sieben Jahre alt war.

Das alles wäre vielleicht nicht mehr als ein amüsiertes Kopfschütteln wert, doch bei den Reichsbürgern handelt es sich nicht ausschließlich um „verwirrte Spinner“.  Ein Jäger aus dem mittelfränkischen Georgensgmünd, der zu diesen Kreisen zählte, wurde 2017 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Im Oktober 2016 hatten Polizisten einer Sondereinheit versucht, sein umfangreiches Schusswaffenarsenal zu beschlagnahmen, daraufhin eröffnete er das Feuer, tötete einen Beamten und verletzte zwei weitere.

Erhebliche Verbreitung

webmysteryEine wahre Flut an selbstlegitimierter Weltneuordnung, oft betrieben in Form einer Art von Gegenaufklärung, findet sich in den Weiten des World Wide Web. Vielleicht war es sogar gerade das Internet, das diesen Parallelrealitäten Tür und Tor öffnete. Mit zunehmendem Schwund des Vertrauens in Politik und Medien und dem Wegfall der Journalisten als Mittler und Filter für die verbreiteten Informationen, konnten sich Anhänger von obskuren Theorien und fragwürdigen Anschauungen zu Meinungsführern aufschwingen. Einige Verlage sind ebenfalls auf diesen ideologischen Zug aufgesprungen und veröffentlichen Bücher (schon aus rein wirtschaftlichem Interesse) von Autoren, die Front machen, gegen die aus ihrer Sicht vorherrschende mediale Manipulation und Gleichschaltung. Die Auflage solcher Bücher geht bis in den sechsstelligen Bereich.

In anderen Ländern finden sich solche missionarische Eiferer noch wesentlich häufiger. In den USA herrscht in vielen Kreisen ein grundlegendes Misstrauen gegen die Berichterstattung der etablierten Medien vor. Neben der Presse, die von einer breiten Schicht als staatliches Verkündigungsorgan angesehen wird, schenken viele auch der Wissenschaft kaum Vertrauen. Nur rund die Hälfte der Amerikaner ist davon überzeugt, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Beinahe zwei Drittel äußern starke Zweifel an der Evolutionstheorie. Viele dieser Kreationisten, so die Bezeichnung der biblischen Fundamentalisten, würden die Lehre der Evolutionstheorie am Liebsten komplett verbieten. Deren Lobby hat weitreichenden Einfluss. Selbst der frühere Präsident George W. Bush hatte während seiner Amtszeit geäußert, dass Schöpfungsgeschichte und Evolutionstheorie in den Lehrplänen gleich behandelt werden sollten.

Anziehungskraft des Verborgenen

Die Gründe für den Boom solcher alternativer Realitätsentwürfe sind vielfältig: Wann immer seriöse Journalisten danebengreifen, wächst der Vertrauensschwund in die Medien. Tatsächlich kommt das häufig genug vor, wie bei retuschierten Fotos, die sich so viel besser verkaufen lassen oder Verknüpfung von Bildern und Berichten ohne direkten Kontext; und jüngst dadurch, dass bekannt wurde, dass ganze Reportagen von ihren Verfassern frei erfunden waren. Solche Fehlleistungen kommen den Zweiflern gerade recht. Ein Zuviel des Meinungskonsenses nährt den Zweifel zusätzlich. Die mediale Berichterstattung erinnert nicht selten an Einheitsbreit. Das liegt schon daran, dass Verlagshäuser gezwungen sind, stark zu sparen und viele der Inhalte für die unterschiedlichen Zeitungen unmittelbar von Nachrichtenagenturen übernommen werden. Zugleich richtet sich die Politik immer weiter in einer nivellierten Grauzone in der sogenannten Mitte ein, was das Aufkeimen radikalerer Weltanschauungen begünstigt.

Das Leben in solchen Parallelrealitäten kann für viele auch schlichtweg verlockend sein. Es mag die schiere Lust am vermeintlichen Geheimnis sein, verbunden mit dem detektivischen Eifer, den Schleier zu lüften und all das ans Tageslicht zu befördern, das die Mächtigen fein sorgsam unter Verschluss hielten. Diese „Vorkämpfer“ wähnen sich zugehörig einer Elite, die besonderes Wissen um die Dinge besitzt und über Einblicke verfügt, die anderen verborgen bleiben. Psychologisch betrachtet, verleiht das ein Gefühl von Macht. Ohnmacht erleben die meisten Menschen schließlich täglich: Doppelmoral in Regierungen, die ihre Protegés schützen, komme was wolle; den Interessen der Wirtschaft stets Vorzug geben; mit verbrecherischen Autokraten paktieren; und Ratingagenturen, die ganze Länder ruinieren können, während Geheimdienste alles und jeden ausspionieren, ohne Folgen befürchten zu müssen. Bei solch offenkundigen „Verschwörungen“, die sich komplett der Kontrolle entziehen, erscheint das Bewegen innerhalb von selbstgewählten Geheimnissphären geradezu erholsam.

 

Ein Kommentar

  1. Ein durchaus gelungenes Essay. Ich wollte an dieser Stelle auf Umberto Eco aufmerksam machen, für dessen Werk Fälschung, Geschichtsfälschung, Verschwörungstheorien und fake news zentrale Themen sind. Diese hat er in seinen Romanen „Das Foucaultsche Pender“, „Der Friedhof in Prag“ und „Nullnummer“ meisterlich umgesetzt.

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