digital brain

Gehts noch? Von informativer Evolution zur digitalen Degeneration?

von Stefan Nowak:

»Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.« (Immanuel Kant, 1784)

Etwa ab 1997 lagen in vielen Geschäften Setup-CDs der verschiedenen Internetprovider herum: Telekom, AOL, und ich weiß nicht mehr, wer dann noch alles kam. Für den Laien war es praktisch: CD ins Laufwerk, und die richtet dann alles ein; damit war die Startseite des Providers zugleich das Internetportal.

Mir war das zu eingeschränkt; ich richtete mir schnell einen portalfreien Zugang ein und hatte plötzlich eine gigantische Vielfalt an Informationsquellen zur Verfügung. Das war unfassbar. Ich hatte auf einmal Zugang zu einem großen Teil des gesammelten Wissens der Erde – WOW! Damit begann für mich ein neues Zeitalter der Aufklärung.

Keine Existenz ohne Social Media

Seit etwa zehn Jahren läuft bei mir alles auf Linux. Ich bin also ein intensiver Computer- und Internetnutzer, aber den Social Media habe ich mich immer verweigert. Und ich lese immer noch Bücher, Zeitungen und Zeitschriften, die jetzt allerdings oft digital. Irgendwann sprachen mich Kollegen an: „Man findet Dich ja überhaupt nicht!“ „Aber Du hast doch meine Email-Adresse und meine Telefonnummer!“ „Nein, ich meine auf Facebook!“

Ein Höhepunkt war, als ich einen Kollegen, mit dem ich drei Monate lang täglich zusammengearbeitet hatte, über den Hotelbalkon fragte, ob wir heute Abend mit den Anderen, mit denen wir täglich zusammenarbeiteten, Essen gehen wollen. Der Kollege stutzte, fasste sich an den Kopf und platzte heraus: „Wir haben uns doch heute alle schon über Facebook zum Essen gehen verabredet.“

Nach ähnlichen Erfahrungen von Freunden und Bekannten, denen es als Freiberuflern oder mit ihrer kleinen Firma genauso ging, wurde mir klar, dass die meisten Internet affinen Menschen und erst recht die ‚Digital Natives‘ die Welt nur noch durch Facebook oder andere Social Media wahrnehmen. Ist man nicht bei Facebook, WhatsApp oder Twitter, existiert man nicht – als Firma, Privatmensch, Freiberufler oder Selbstständiger – trotz Homepage! Irgendwann bin ich mit großem Zähneknirschen dann doch zu Facebook gegangen, war fassungslos ob der Kommunikationsinhalte, habe selber kaum etwas gepostet und meinen Account als erstes gelöscht, nachdem ich nicht mehr freiberuflich arbeitete.

Unreifer Umgang mit Medien

Jaaaa! Facebook ist auf dem absteigenden Ast. Dafür haben sich jetzt WhatsApp und Twitter wie die Krebsgeschwüre ausgebreitet. Ein Bekannter erzählte mir fassungslos, dass seine Kinder mit ihren Freundinnen durch Sprachmitteilungen über WhatsApp kommunizieren; dabei könnten sie mit Flatrate telefonieren, bis der Arzt kommt.

In der Kommunikation am Telefon müssen wir sofort reagieren, antworten. Davon fühlen sich viele überfordert. Viele Menschen nehmen die Welt nur noch durch den schmalen Tunnel der Social Media wahr und bleiben damit in ihrer Filterblase von nicht unterschiedenen Wahrheiten, Meinungen, Fake-News, Behauptungen und Halbwahrheiten.

Sie wollen sich nicht mit der Informationsflut und der Vielfalt der Medien auseinandersetzen, weil sie es nicht gelernt haben. Viele überlassen ihre Entscheidungen heute schon den Algorithmen, selbst wenn sie sich noch die Mühe machen, auf Google zu suchen. Denn die meisten Googler schauen sich höchstens die ersten zehn Hits an. Kaum einer geht bis auf die nächste Seite mit Suchergebnissen.

Fülle an Information führt zu Tunnelblick

Ich gehöre zur Altersgruppe des HTTP und HTML-Entwicklers Tim Berners-Lee und der Menschen, die die ersten Suchmaschinen kreierten. Und ich habe mich durch die Karteikästen diverser Bibliotheken und Archive gewühlt, gelernt zu suchen, zu assoziieren. Wir haben noch eine klassische Bildung genossen und damit haben wir gelernt, unser Wissen zu verknüpfen, zu assoziieren. Mir ist klar, dass Menschen meiner Altersgruppe die letzten ihrer Art sind, die die Welt vor und nach dem Internet kennen und sich in beiden Welten bewegen und informieren können und wollen. Wir sind die ‚Hybride Generation‘.

Immer mehr Menschen nutzen die traditionellen Medien überhaupt nicht mehr und erleben die Welt nur noch in freigewählter Zensur durch die einschlägigen Social Media-Portale. Assoziation ist die Grundlage aller Internet-Suchen. Wer das nicht kann, findet auch nichts. Ich höre von vielen Menschen: „Ich find nix im Internet“. Und sie wollen auch gar nicht mehr suchen. Sie schaffen sich freiwillig einen gefilterten Tunnelblick. Willkommen im Zeitalter der Gegenaufklärung.

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